Gottesdienst
der evang.-luth. Kirchengemeinde Sommerhausen-Eibelstadt
für den 16.Sonntag n. Trinitatis – 20. Sept. 2026
Pfarrer Jochen Maier
Wochenspruch:
"Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium." 2. Tim 1,10b
Predigttext:
2. Timotheus 1,7-10
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.
Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Liebe Gemeinde,
„alle aufstehen, die zur Jungen Gemeinde gehen!“ So brüllt der Klassenlehrer durch den Raum. Christina erhebt sich, langsam, zögerlich. Sie wird rot. „Was wird jetzt kommen?“ schießt es ihr ängstlich durch den Kopf. Nur noch ein einziger weiterer Schüler steht auf. Die neugierigen Blicke der anderen sind auf die beiden gerichtet. Christina trägt ein T-Shirt mit dem Kugelkreuzabzeichen. Die Weltkugel mit einem Kreuz, das Zeichen der Jungen Gemeinde. Sie und der andere Junge stehen da und die Schimpftirade des Lehrers ergießt sich über die beiden. Dass die Junge Gemeinde staatsfeindlich sei. Eine Tarnorganstation des imperialistischen Westens. Handlager des Kapitalismus. Und dass es nur eine wahre Jugendorganisation gäbe, nämlich die Freie Deutschen Jugend.
Aber seltsamerweise prallen die Beschimpfungen des Klassenlehrers an ihr ab. Sie denkt zurück an ihre Konfirmation. Sie erinnert sich, wie der Pfarrer ihr da die Hände aufgelegt hatte:
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist
helfe dir auf deinen Wegen:
Schutz und Schirm vor allem Bösen.
Stärke und Hilfe zu allem Guten,
dass du bewahrt werdest zum ewigen Leben.
Fürchte dich nicht! Der Herr + ist mit dir!
Und dann hatte sie ihren Konfirmationsspruch bekommen: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Christina spürt, wie da eine tiefe Kraft in ihr aufsteigt. Eine Kraft, die nicht aus ihr selbst kommt. Sie steht da, ganz aufrecht, hebt den Kopf, hält dem Blick des Lehrers stand. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Was gibt es da zu grinsen?“ fährt der Lehrer sie an. „Euch wird das Grinsen schon noch vergehen. Dann fliegt ihr alle von der Schule und keiner von Euch macht Abitur.“
Sie setzt sich. In diesem Moment weiß sie noch nicht, wie steinig der der Weg sein wird, der da vor ihr liegt. Das Abitur wird sie zwar machen dürfen, aber der Studienplatz wird ihr verwehrt. Immer wieder werden ihr Hindernisse in den Weg gelegt. Statt Medizin zu studieren, lernt sie Krankenschwester. Aber sie findet Rückhalt in der Gemeinde, in der Familie, in ihrem Freundeskreis. Immer wieder wird sie durch ihren Glauben gestärkt.
Und dann kommt die Wende für sie gerade noch rechtzeitig, um doch noch studieren zu können. Heute ist sie Ärztin.
Liebe Gemeinde,
in Zeiten innerer und äußerer Bedrängnis wollten die Worte des Apostels, die uns heute als Predigtwort aufgegeben sind, Mut machen. Dazu wurden sie aufgeschrieben und das haben sie getan und tun sich auch heute noch.
Es sind Mutmachworte gegen die Angst.
Seit dem Fall der Mauer vor 37 Jahren haben sich die Zeiten geändert. Von der freien deutschen Jugend, der Jugendorganisation der DDR, spricht heute kaum mehr jemand, aber die Angst ist immer noch, oder wieder ein zentrales Thema: Angst im ganz privaten Bereich kennen wir alle. Angst vor Krankheiten, vor Schmerzen, vor dem Verlust lieber Menschen. Im gesellschaftlichen Bereich gibt es mehr als genug Grund, Angst zu haben: Der nicht enden wollende Krieg in der Ukraine, das Erstarken nationalistischer Kräfte bei uns und in ganz Europa, Klimaveränderung und und und
Auch im kirchlichen Bereich machen wir uns Sorgen: Glaube und Kirche verlieren an Bedeutung. Viele unserer Mitmenschen scheinen Religion nicht zu vermissen. „Ich habe keine Angst vor dem Islam. Ich habe Angst vor einem schwindenden Christentum.“ Angela Merkel hat das mal so formuliert vor über 15 Jahren.
Nun ist Angst ja nicht immer schlecht. Im Gegenteil: Sie hilft uns, zu überleben. Wer z.B. im Straßenverkehr völlig sorglos und angstfrei unterwegs ist, dem könnte das ziemlich schlecht bekommen. Angst macht uns vorsichtig, kann uns schützen.
Aber sie kann eben auch lähmen, kann mutlos und misstrauisch machen.
Und dagegen wendet sich der Apostel.
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Es geht hier nicht darum, dass wir nie mehr Angst haben dürfen.
Angst zu haben ist menschlich und jeder hat ein Recht dazu. Auch Jesus hatte Angst. Im Garten Gethsemane hat er gezittert vor Angst.
Ich kann die Angst ja auch nicht einfach abschalten. Da gibt es keinen Regler wie beim Küchenherd, den man einfach zurückdrehen kann und dann ist die Angst vorbei.
Aber wozu der Apostel uns einlädt, das ist dem Geist Gottes in uns Raum zu geben. Sich nicht von einer Haltung der Furchtsamkeit bestimmen zu lassen. Das hat etwas mit meiner Wahrnehmung zu tun: Wenn ich nur das Negative wahrnehme und immer mit dem Schlechtesten rechne, dann ist die Gefahr groß, dass die Angst mich lähmt und beherrscht. Der Apostel lädt uns ein, unsere inneren Antennen auf Gottes Geist der Kraft und der Liebe auszurichten.
Er spricht hier auch vom „Geist der Besonnenheit“.
Was meint er damit? Luther hat das mit „Zucht“ übersetzt. Das klingt in unseren Ohren nicht sehr einladend. Aber es geht hier um Selbstdisziplin. Besonnenheit hat etwas mit Sich-besinnen zu tun. Anstatt sich von der Angst hypnotisieren zu lassen wie das Kaninchen vor der Schlange, sich besinnen, sich erinnern an Gottes Kraft und Gottes Liebe.
Der Psychologe Viktor Frankl hat immer wieder betont: Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion ist ein Raum. Ein Raum zur Freiheit und Entscheidung. Ein Raum, den ich gestalten kann. Wir sind nicht nur triebgesteuert wie Tiere.
Wir können uns entscheiden.
Und das meint Besonnenheit. Und ich glaube, dass das in unserer Zeit besonders wichtig ist. Es geht darum, in hitzigen Debatten Ruhe zu bewahren, erst einmal innezuhalten, nachzudenken, einander zuzuhören.
Wenn mir jemand etwas in Wut entgegen schleudert ist die Versuchung groß, es ihm in gleicher Münze heimzuzahlen. Aber ich kann auch einen Moment innehalten und eine andere Reaktion wählen. Dann durchbreche ich den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt.
Gott schenkt uns seinen Geist – nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, die Liebe und der Besonnenheit.
Eine Gelassenheit, ein Vertrauen, das nicht aus uns kommt, sondern aus ihm.
Wir dürfen Gott um diesen Geist bitten.
Wir dürfen ihm unsere Angst hinhalten und sagen: „Du bist doch der, der einen anderen Geist verheißt. Erfülle mich damit.“
Und wer sich von Gottes Geist berühren lässt, der merkt oft zuerst an kleinen Dingen, wie er wirkt:
Dass ich innerlich fester werde.
Dass ich mich getragen weiß.
Dass ich gelassener werde.,
Dass ich spüre: Ich bin geborgen.
Ich habe Beistand.
Ich werde wieder zuversichtlicher.
Ich finde neue Lebensfreude.
Ich erkenne: Meine Zukunft liegt in Gottes Hand.
So wachsen in uns Bollwerke gegen die Angst – leise, aber stark.
Gott selbst baut sie in uns auf.
Und das schenke Gott uns allen.
AMEN
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Gottesdienst
der evang.-luth. Kirchengemeinde Sommerhausen-Eibelstadt
für den 14.Sonntag nach Trinitatis, 6. Sept. 2026, „Bringen der ersten Trauben“
Pfarrer Jochen Maier
Thema: „Gegen die Panikmache“
Predigttext: Lukas 8,22-25
„Und es begab sich an einem der Tage, dass Jesus in ein Boot stieg mit seinen Jüngern; und er sprach zu ihnen: Lasst uns ans andere Ufer des Sees fahren. Und sie stießen vom Land ab.
Und als sie fuhren, schlief er ein. Und es kam ein Windwirbel über den See und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Gefahr.
Da traten sie zu ihm und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Da stand er auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich und es ward eine Stille.
Er sprach aber zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Sie fürchteten sich aber und verwunderten sich und sprachen untereinander: Wer ist dieser, dass er auch dem Wind und dem Wasser gebietet und sie sind ihm gehorsam.“
Liebe Gemeinde,
als Sie und Ihr diese Geschichte gehört habt, da habt Ihr Euch vielleicht gefragt: Und was hat das nun mit Winzern und Weinbau und dem Bringen der Trauben zu tun?
Nun, ich möchte das einmal so erklären: Oft kommt es auf das Kleingedruckte an. Bei einem Kaufvertrag, auf dem Beipackzettel eines Medikamentes oder eines Spritzmittels im Weinbau, da ist das Kleingedruckte oft ganz wichtig. Da stehen oft Dinge, die man wissen und beachten sollte.
Bei einem Bibelwort wie dem unseren ist es ganz ähnlich.
Das Kleingedruckte ist in unserem Fall das, was am Anfang steht.
Da wird erzählt, dass Jesus mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth in ein Boot steigt und ans andere Ufer möchte. Er braucht etwas Abstand, etwas Ruhe. Ständig die vielen Menschen um ihn herum. Alle wollen was von ihm, das Reden, Predigen, Heilen, für Essen sorgen, das wird auch ihm manchmal zu viel. Auch Jesus ist mal erschöpft und braucht eine Auszeit.
Und drum möchte er weg.
Und kaum ist er im Boot, da schläft er auch schon ein.
Aber dann wird’s dramatisch. Ein Sturm kommt auf, die Wellen schlagen hoch und das Boot läuft voll und droht zu sinken.
Nun sind die Jünger keine Jammerlappen, das sind gestandene Männer und keine Schisser, die sich vor Angst in die Hosen machen. Es wäre falsch, die Geschichte vom Ende her, sozusagen vom Fettgedruckten her zu lesen und zu sagen: „Wer an Gott glaubt, der braucht keine Angst zu haben! Gott wird’s schon richten!“
So einfach ist das nicht.
Leider.
Diese Art von Frömmigkeit geht an der Realität vorbei, sie missbraucht Gott zu einem Erfüllungsgehilfen, so nach dem Motto: „Der Papa wir’s schon richten, das g‘hört zu seinen Pflichten“, wie es der österreichische Kabarettist Helmut Qualtinger einst gesungen hat.
Glauben ist nichts zum Ausruhen und sich zurücklehnen. Glaube ist nicht dazu da, andere machen zu lassen. Dazu ist das Leben zu ernst. Ein Freund, der ehrenamtlich im Besuchsdienst eines Krankenhauses arbeitet, hat mir letzte Woche erzählt, dass es ihn schockiert, wie viele Menschen ihm da berichten, dass sie keinen oder fast keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. Die liegen im Krankenhaus, und niemanden interessiert es! Unser Glaube nimmt die Realität ernst -auch die Vereinsamung so vieler Menschen.
Als Einzelne oder auch als Gesellschaft geraten wir doch immer wieder in Situationen, in denen wir uns nicht zurechtfinden und das Gefühl haben, es zieht uns unaufhaltsam in den Abgrund. Wie eingangs gesagt: Der Weinbau steht vor enormen Herausforderungen und Veränderungen, die politische Lage, die absolut nicht mehr zu leugnenden Klimaveränderungen, das ist manchmal schon zum Angst kriegen, zum Fürchten. Klar, dass man da schreien könnte vor Angst und Gott wachrütteln möchte. Hilf, Herr, hilf!
Die Jünger fürchten sich zurecht. Sie sehen und spüren ja, dass die Wellen hochschlagen und im Boot schon das Wasser steht. Sie drohen, unterzugehen.
Und deshalb wecken sie Jesus auf. Sie tun also das einzig sinnvolle. Sie suchen Hilfe und wenden sich an den, von dem wirklich Hilfe zu erwarten ist.
Mit anderen Worten: Sie gehen mit ihrer Angst vernünftig um. Und Jesus sorgt dafür, dass das Getöse aufhört. „Und die Wogen des Wassers legten sich und es ward eine Stille.“ Das ist noch so ein kleingedruckter Satz, der scheinbar nebensächlich ist, in Wahrheit aber ganz entscheidend. Neue Zuversicht entsteht nicht im Herumlärmen, nicht darin, sich mit der eigenen Meinung ganz wichtig zu machen. Und erst recht nicht darin, dass man Panik predigt und Ängste schürt.
Das scheint mir derzeit ziemlich verbreitet zu sein, ein Pessimismus, der alles schlecht redet und der wie eine Pest wirkt. So ein Pestizismus lebt in manchen politischen Äußerungen, die alles schlecht reden ohne selbst wirklich konstruktive Vorschläge zu machen. Die die Menschen nur in Angst und Schrecken versetzen, mit oft falschen Zahlen Horrorgemälde malen und den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Das lähmt, macht aggressiv und spaltet die Gesellschaft. Gewisse Parteien machen genau damit Politik – und das traurige: Sie haben Erfolg!
Jesus fragt die Jünger nach ihrer Furcht, danach, ob sie – noch! – keinen Glauben haben. Der Kleinglaube, den er kritisiert, der besteht darin, nicht zu vertrauen und stattdessen in wilde, hektische und vielleicht auch blinde Aktivität zu verfallen. Unser Kleinglaube und die Angst lassen das Meer nur immer noch bedrohlicher werden. Je mehr man sich hineinsteigert, desto schlimmer wird es.
Ich denke, das kennen wir alle.
Jesus selber aber zeigt einen Ausweg. Er ist nicht weg, er ruht und in der Ruhe liegt die Kraft. Jesus ist immer schon da.
Gott ist immer schon da.
Angst zu schüren und Panik zu verbreiten, hat noch nie geholfen. Es hilft auch nicht, darauf zu hoffen, dass Gott vom Himmel mit großem Getöse eingreift und alles richtet.
Was hilft, ist das Vertrauen, dass Gott uns nie verlässt, dass er mit uns im Boot sitzt und wir ihn nicht erst wachrütteln müssen.
Er hat uns einen wachen Geist, hat uns Phantasie und Kreativität geschenkt, um Dinge zum Besseren verändern zu können.
Er hat uns Hände geschenkt, um zu handeln.
Einen Verstand, um nach Lösungen zu suchen.
Eine Haltung, die gegründet ist im Vertrauen in den Gott, der uns immer neu Kraft und Zuversicht schenkt.
Dafür steht das wunderbare Bild vom Weinstock und den Reben, das wir in der Evangelienlesung gehört haben. Der Weinstock, der auch bei großer Hitze und Trockenheit aus der Tiefe Kraft und Nahrung schöpft. Er verkörpert Erdung, statt Abgehoben sein, Bodenhaftung statt ziellosem Herumirren und wildgewordenem Agieren. Das ist es doch, was unseren Glauben auszeichnet und was diese Welt so notwendig braucht: Einen klaren Sinn für die Realität, Achtung vor dem menschlichen Leben und leidenschaftliche Visionen für das respektvolle Zusammenleben von Menschen. Eine getroste Zuversicht im Herzen und im Hirn.
Jesus weiß, dass Angst und Furcht etwas Normales sind und man immer neu lernen muss, damit umzugehen. Daher sagt er an anderer Stelle: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33) Das Vertrauen, dass Gott unverbrüchlich an unserer Seite steht, kann und muss wachsen. Paul Gerhardt, der große Liederdichter, dessen 350. Todestag wir dieses Jahr begehen, dichtet in einem unserer, wie ich finde, schönsten Glaubenslieder:
Nun weiß und glaub ich feste,
ich rühm’s auch ohne Scheu,
dass Gott, der Höchst und Beste,
mein Freund und Vater sei
und dass in allen Fällen
er mir zur Rechten steh
und dämpfe Sturm und Wellen
und was mir bringet Weh.
Diese schwungvolle Zuversicht, dieses tiefe Gottvertrauen, das kann uns selbst, diese Welt und ihre Menschen eher zum Besseren verändern als alle Unkenrufe. Wir brauchen einen hellwachen Geist und ein mitfühlendes Herz, damit wir die Wirklichkeit wahrnehmen, wie sie ist, und uns nach den Möglichkeiten umtun, mit denen wir sie erhalten können oder sie verändern, dort, wo es notwendig ist. Wir stehen den Stürmen des Lebens nicht alleine gegenüber. Jesus Christus ist der Herr und Steuermann.
AMEN
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Gottesdienst
der evang.-luth. Kirchengemeinde Sommerhausen-Eibelstadt für den 6. S. nach Trinitatis,
12. Juli 2026, Pfarrer Jochen Maier
Wochenspruch:
"So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" Jes 43,1
Predigttext: 5.Mose 7,6-11
Liebe Gemeinde,
Lolita Cassard ist eine junge Frau aus Paris. Sie hadert mit sich und der Welt, weil sie nicht annähernd so schlank und begehrenswert aussieht, wie die Models in den Hochglanzmagazinen. Dabei wäre sie gerne schön – zumindest in den Augen ihres Vaters. Aber der ist ein eitler, zynischer und umschwärmter Schriftsteller, der die Leute in seiner Umgebung kaum beachtet.
Lolita möchte gerne Sängerin werden, aber das klappt auch nicht so richtig. Immer wieder erlebt Lolita, dass die Menschen nur darum nett und freundlich zu ihr sind, weil sie eben die Tochter des berühmten Schriftstellers ist, Und das führt dazu, dass sie immer noch unsicherer wird und sich immer mehr zurückzieht von den Menschen. Lolita ist eine der Hauptpersonen im französischen Film „Schau mich an!“ Und dieser Titel sagt eigentlich genau das aus, was die junge Frau möchte: Sie möchte angesehen, möchte beachtet werden. Sie um ihrer selbst willen. Nicht wegen ihres berühmten Vaters. Der Film zeigt, wie ein Mensch verkümmert, wie er zugrunde geht, wenn er nicht angeschaut, nicht gesehen wird. Wenn die Liebe fehlt.
Liebe Gemeinde, das Predigtwort, das uns heute aufgegeben ist, das ist so etwas wie ein Gegenentwurf zu diesem Schicksal. Da geht es nämlich genau um das, was dieser jungen Frau fehlt, nämlich um Liebe, es darum, gesehen zu werden.
Wir hören einen Abschnitt aus 5.Mose 7:
Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten…
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. AMEN
Liebe Gemeinde, was wir da gehört haben, das ist nicht andres als eine Liebeserklärung. Dich hat der Herr erwählt, heißt es da. Man könnte auch sagen: Dich hat der Herr angeschaut. Das ist eine Liebeserklärung Gottes an seine Menschen.
Zunächst einmal an sein Volk Israel, das Volk des Alten Bundes.
Und es ist so, wie es mit echter Liebe immer ist. Sie schaut nicht zuerst auf das, was einer ist oder kann oder darstellt, sondern sie meint das ganze Gegenüber.
Wenn ein junger Mann zu seiner Freundin sagt: „Ich liebe dich, weil du so schön bis oder so klug bist“, oder sogar: „Weil du so viel Geld hast!“, oder „Weil du so gut kochen kannst!“, dann wird das Mädchen bestenfalls lächeln über so viel Ehrlichkeit, aber tief drin wird es enttäuscht sein. Nicht als Schönheitskönigin, nicht als Einserkandidatin oder als Kochkünstlerin will sie geliebt werden, sondern um ihrer selbst willen, als Person, als Mensch.
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.
Damals im ursprünglichen Zusammenhang sind die Frauen und Männer der jüdischen Stämme gemeint gewesen, die auf dem Weg durch die Wüste waren. Gerade waren sie knapp der ägyptischen Sklaverei entkommen und nun standen sie vor einer höchst ungewissen Zukunft! Sie hatten nichts vorzuweisen, rein gar nichts – so steht es ja ausdrücklich da: „Du bist das kleinste unter allen Völkern!“ Und dennoch wird gerade diesen Flüchtlingen, die nichts sind und nichts haben, nichts vorweisen können, dennoch wird gerade denen die Liebe Gottes zugesprochen.
Gott liebt ein Volk an dem absolut nichts Besonderes ist!
Aber was hat das nun mit uns zu tun?
Nun, vorhin in der Evangelienlesung haben wir den Taufbefehl Jesu gehört, die Aufforderung Jesu, in alle Welt zu gehen und von der Liebe Gottes zu erzählen. Da durchbricht Jesus also ganz klar die engen Grenzen des Volkes Israel und nimmt die ganze Welt mit hinein in diesen Liebesbund Gottes. Seit Jesus Christus sind auch wir Nichtjuden hineingenommen in den Liebesbund Gottes.
Und darum gilt dieses Wort von der Liebe Gottes auch uns, auch uns, die wir heute an diesem Sonntagmorgen zusammen Gottesdienst feiern und wenn wir nachher beim Abendmahl an den Tisch des Herrn geladen sind, da wird das ganz offenbar.
Es ist doch so, dass wir uns alle nach Anerkennung und nach Liebe sehen.
Jeder Mensch braucht das.
Ich werde da nie vergessen, als unser Sohn noch klein war und ich ihn wegen irgendeiner Kleinigkeit geschimpft habe, da fragte er ganz betrübt: „Magst du mich noch, Papa?“ Und er schaute mich tief traurig an und mir tat es im Herzen leid, ihn geschimpft zu haben.
Wir alle brauchen das und in allen Bereichen unseres Lebens bemühen wir uns darum: Im Arbeitsleben, in der Schule, in der Familie, bei den Menschen, die uns wichtig sind.
Mein Tag ist gut, wenn ich spüre: Ich werde akzeptiert. Noch besser, wenn ich merke, einer hält zu mir, egal ob ich nun Erfolg habe oder ob etwas total daneben läuft.
Und genauso hält Gott zu mir. Das kann mir ein Grundvertrauen geben, auch wenn manches im Leben anders kommt, als erwartet. Auch wenn sich längst nicht alle Träume erfüllen, wenn manchmal der Erfolg ausbleibt, wenn das Leben sich anders entwickelt, als ich es eben noch erhofft habe.
Gott sagt heute zu dir und zu mir: „Ich habe dich angenommen und erwählt, nicht weil du besser oder schlauer oder erfolgreichen bist als andere, sondern ich habe dich mit anderen zusammen angenommen und erwählt, weil ich dich lieb habe!“
Diese Gottesliebe aber wartet auf Antwort. Sie ist anspruchsvoll. Sie will erwidert werden. Die Antwort auf die Liebe Gottes aber ist der Glaube, ist das Vertrauen, dass er, Gott, in Jesus Christus der Weg und die Wahrheit und das Leben ist. Es kommt darauf an, das wahrzunehmen und das Leben darauf zu gründen.
Wo diese Einladung Gottes ganz anschaulich und augenfällig ist, das ist die Taufe:
„Wenn dein Gewissen dich plagt, wenn deine Schuld dich quält, wenn du am Ende bist und nicht mehr weiter weißt in deinem Leben, wenn die Kraft nicht reicht, dann erinnere dich und sage: Ich bin dennoch getauft!“ So hat es Martin Luther einmal formuliert.
Die Taufe, das ist die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen.
Liebende beschenken sich. Mit äußeren Zeichen machen sie auf sich aufmerksam, ritzen Herzen in Bäume, hängen Schlösser an Brückengeländer.
Und so ist es auch mit der Taufe. Das äußere Zeichen ist Wasser, dieser kostbare Stoff, aus dem das Leben kommt. Und das spüren wir ja in diesem Sommer wieder mehr als deutlich, wie wichtig das Wasser ist. Die Natur -und auch wir Menschen, wir sehnen, wir lechzen nach Regen!
Wasser ist Leben und darum taufen wir mit Wasser.
Natürlich kann da nun einer hergehen und fragen: Was nützt das denn, dieses Bespritzen mit ein paar Tropfen Wasser bei einem Kind, das davon ja noch gar nicht mitbekommt, das allenfalls lächelt oder verwundert guckt, aber oft auch schläft oder sogar mehr oder minder kräftig schreit. Was nutzt das?
Einen äußeren Nutzen können wir der Taufe genauso wenig zumessen, wie der Liebe. Wenn einer geliebt wird, dann hat er rein äußerlich nichts davon. Und doch ist die Liebe ein Lebenselement, sie wichtig, wie das Wasser für den Fisch und die Luft für den Vogel.
Da sind wir dann wieder bei Lolita Cassard, der jungen Frau aus dem französischen Film. Der Vater schaut seine Tochter nicht an. Er dreht sich nur um sich und daneben verkümmert die Tochter.
Gott aber schaut uns an, schenkt uns seine Liebe und sehnt sich danach, dass wir diese Liebe erwidern – mit Herzen, Mund und Händen!
Welch ein Glück!!!
AMEN
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